Bilder der Akademischen Feier 2021

Abiturrede von MSS-Leiterin Frau Müller-Molthan:

Liebe Abiturientinnen, liebe Abiturienten,

 

ich weiß, Ihr musstet in Eurem Leben schon viel Geduld haben. Von der Grundschule bis in die Oberstufe musstet Ihr jeden Tag stillsitzen und Euren Lehrern zuhören. Und jetzt müsst Ihr Euch auch noch meine Rede anhören. Aber keine Sorge, Ihr habt es fast geschafft.

Heute für Euch die Abirede halten zu dürfen, ist wirklich eine große Ehre für mich. Ich beschloss darum, meine Worte mit derselben Hingabe vorzubereiten, die einige von Euch beim Lernen für Klausuren und möglicherweise auch fürs Abitur an den Tag gelegt habt.              

Spät gestern Abend fing ich also an…

Da fiel mir als erstes Schlagwort natürlich ebenso Corona ein. Es war ja schon sehr spät gestern Abend.  Jetzt fahre ich also auch noch auf den Zug auf in Zeiten, in denen die Medien von früh bis spät nur über dieses Thema berichten und das, wo ihr auch noch tagtäglich durch diese außergewöhnliche Situation hier im Schulleben besonders betroffen wart und seid. Bis heute, denn ihr dürft diesen besonderen Tag ja nicht mal mit Euren Eltern hier gemeinsam genießen. Das bedaure ich sehr.

Corona hat natürlich auch das Schulleben verändert und vor allem eingeschränkt. Doch trotzdem möchte ich nicht unerwähnt lassen, dass wir einige der wenigen Schulen sind, die es Euch ermöglichen konnten, weitestgehend den vollen Unterrichtsumfang zu gewährleisten. Auch die Anzahl der Kursarbeiten und die Dauer wurden nicht gekürzt wie es an vielen anderen Schulen der Fall war. Auch wenn Ihr das Siegel „Corona-Generation“ sicherlich nicht so schnell loswerdet, so möchte ich Euch sagen, dass Ihr kein Corona-Abitur habt, sondern das Euer Abitur mindestens genauso viel wert ist wie in den Generationen zuvor. Nein, ich würde sogar sagen, dass Euch  sogar noch mehr abverlangt wurde, denn Ihr musstet auf vieles verzichten. Ganz zu schweigen von der Situation zu Hause mehr oder weniger allein lernen zu müssen und alles physisch und psychisch zu verkraften. Die Angeschlagenheit und die Anspannung konnte man auch in so mancher mündlichen Abiturprüfung bemerken.

Besonders gefreut hat es mich daher, dass Ihr grandiose Leistungen abgeliefert habt. So konnten von 33 Schülerinnen im zentralen Teil der Englisch Klausur 6 Schülerinnen und Schüler im Hör- und im Leseverständnis die Note 1 erlangen und etwa 12 die Note 2. Mit diesen Ergebnissen kann man im Vergleich zu den Gymnasien sicherlich auch nicht von einem IGS-Abitur sprechen, was den IGSen leider immer wieder unterstellt wird. Auch die Mathe-Klausur habt ihr gemeistert, einige sogar ziemlich gut, andere mit etwas Mühe. Denn der zentrale Teil war wohl so schwer, dass selbst unsere eigenen Lehrer die Aufgaben nur schwer lösen konnten. Hier ging übrigens ein Protestschreiben von vielen MSS-Leitern durch eine Unterschriften-sammlung ans Ministerium.

Was Ihr geleistet und aufgeholt habt in den letzten drei Jahren in der Oberstufe, das ist schon enorm und schmälert für mich die Leistungen der Gymnasiasten, die von jeher auf Leistung getrimmt wurden. Ihr seid etwas ganz Besonderes.

Das kann man sicherlich auch an Eurem Abi-Motto erkennen. The Great Gatsabi. Ich bin mir da wirklich sehr unsicher, ob wirklich alle von Euch wissen, um was es in diesem Buch geht oder ob alle tatsächlich den Autor kennen.

Vor allem stellte ich mir aber gestern Abend noch ziemlich lange die Frage, wie das Motto zum Abitur passt bzw. Euch als Jahrgang widerspiegelt.

Also in dem Buch verlässt ja der Autor Nick Carraway den Mittleren Westen und geht nach New York. Na ja, Ihr verlasst jetzt auch ein bisschen Heimat mit dem Ende der Schule und sucht Euch vielleicht auch einen neuen, mondäneren Ort als Bad Kreuznach.

Die Geschichte The Great Gatsby spielt in den 1920ern. Die goldenen Zwanziger. Das waren wilde Zeiten lockerer Moral, die Welt gehörte dem Schwarzhandel und es ging um die Jagd nach dem amerikanischen Traum.

Ihr lebt auch in den 20ern, die Moral ist auch etwas locker und der ein oder die andere bediente sich auch schon mal an unerlaubten Substanzen vom Schwarzmarkt…

Die goldenen Zwanziger – nach Eurem Motto etwas abgewandelt: Für Euch die goldenen 13er. Dann kann Schule ja nicht ganz so schlimm gewesen sein. Das beruhigt mich.

The Roaring Twenties. Sie waren geprägt von wachsendem Wohlstand, zunehmender Mobilität und auch der Flapperbewegung.

Dies musste ich mal googeln. Die Flappers standen zu seiner Zeit für frech und keck, weil sie sich schminkten und rauchten. Das mag ja für einige von Euch zutreffen, ist ja aber auch nicht wirklich verwerflich. Sie standen für junge Frauen, die kurze Röcke und kurze Haare trugen und sich über die Regeln des guten Benehmens hinwegsetzten. Das trifft nun wirklich nicht auf Euch zu.

Ihr tatsächlich allgegenwärtiger Alkoholgenuss führte zu einer weitverbreiteten Verachtung für jegliche Autorität. Na, der Alkoholgenuss mag bei manchen ja zutreffen, Ihr bleibt mir aber alle als ein besonders liebevoller, sehr netter und höflicher Jahrgang in Erinnerung.

Dann habe ich aber etwas gefunden, das sehr gut passt. Die Bezeichnung Flapper kommt ja aus dem Englischen und spielt auf das Flügelflattern junger Vögel an, die ihr Nest zu verlassen versuchen.

Auch Ihr verlasst mit dem heutigen Tag Euer vertrautes heimeliges Nest und fliegt in eine für Euch noch unbekannte Zukunft. Das ist aufregend und ich möchte euch dafür noch ein paar Tipps mit auf den Weg geben:

Folgt niemals ausgetretenen und vorgegebenen Pfaden. Es sei denn Ihr habt Euch in der Wildnis verlaufen, dann folgt bitte unbedingt den ausgetretenen Pfaden. Doch in Eurem sonstigen Leben solltet Ihr alles daran setzen, Euren ganz eigenen Weg zu finden.

Jeder fällt mal auf die Nase. Das gehört dazu. Doch wenn es Euch  tatsächlich auch einmal passiert – möglicherweise schon heute Nachmittag oder heute Abend nach dem vierten, fünften Gläschen– dann erinnert Euch immer an eins: Wenn Ihr stolpert, dann achtet darauf, was Ihr aus dieser Erfahrung lernen könnt.

Möglicherweise findet Ihr einige meiner Tipps inspirierend, vermutlich finden sie manche auch langweilig. Ganz sicher werdet Ihr sie alle in der kommenden Woche bereits vergessen haben.

Mit dem heutigen Tag habt Ihr bewiesen, dass Ihr kluge Menschen seid. Aber Ihr habt etwas noch viel Wichtigeres unter Beweis gestellt, nämlich dass Ihr etwas zu Ende bringen könnt. Darum bitte ich Euch, liebe Abiturientinnen und liebe Abiturienten, bringt die Dinge zu Ende in Eurem Leben.

Und weil dies eine gute Gelegenheit ist, mir selbst nicht ständig zu widersprechen, folge ich nun meinem eigenen Ratschlag und bringe meine Rede zu Ende.

 

Nochmals Herzlichen Glückwunsch zum bestandenen Abitur.

 

Vielen Dank