Zu Besuch in Europas Hauptstadt vom 02.06.-06.06. 2025
Mit freundlicher und finanzieller Unterstützung durch die rheinland-pfälzische Staatskanzlei (herzlichen Dank an dieser Stelle!), führte uns die Studienfahrt unseres Sozialkunde-Leistungskurses der Stufe 12 mit unserem Tutor Herr Pick und in Begleitung von Herrn Arend in die Hauptstadt Belgiens nach Brüssel, welche aufgrund ihrer zahlreichen politischen Institutionen auch als Hauptstadt Europas und als Zentrum der Macht gilt.
Obwohl hier allein 35.000 EU-Beamte leben und arbeiten, wissen wir doch, dass Politik mehr umfasst als das Erlassen und Durchsetzen von Gesetzen. So zeigte uns gleich unser erster Programmpunkt am Ankunftstag in einer mehrstündigen Stadtführung nicht nur die wichtigsten touristisch-historischen Plätze, sondern führte uns auch durch die Rue du Marché au Charbon. Diese Straße ist zum einen Teil des Brüssler Comic-Strip und zeigte uns unterschiedlichste Street-Art Werke, teilweise beeinflusst von der Hip-Hop Kultur. So wurde aus dem berühmten Wahrzeichen der Stadt „Manneken Pis“ in einem Wandgemälde der an 30 Jahre belgischen Hip-Hop erinnernde „Manneken Peace“. Gleichzeitig ist die berühmte Straße ein Teil des stark von der LGBTQ-Community geprägten „Kolenmarkt“-Viertels, das uns einen Eindruck von der großen Vielfalt des gesellschaftlichen Zusammenlebens gab und uns mit seinen vielen Bars, Plattenläden, Tattoostudios und Graffiti stark an unsere eigene Hauptstadt Berlin erinnerte.
Der nächste Tag führte uns durch Anderlecht, ein stark von Migration geprägtes Viertel, das uns wieder eine ganz andere, aber ebenfalls vielseitige Seite der Gesellschaft zeigte und das ein völlig anderes Bild von der Stadt vermittelt als die Altstadt, mit dem beeindruckenden Rathaus am Grote Markt, der mit seinen barocken Gildenhäusern zu den schönsten Plätzen Europas zählt. Bei einer Führung durch eine hundert Jahre alte Traditionsbrauerei erhielten wir hier Einblick in wirtschaftliches Unternehmertum, das sich mit bewusst mit Handarbeit gegen die industriellen Brauereien zu behaupten versucht. Natürlich mussten wir uns im Rahmen eines kleinen Tastings selbst von der Qualität des Produkts überzeugen. Das „Lambic“-Bier wird auf Naturhefe spontanvergoren und erhält zusätzlich eine einjährige zweite Gärung in der Flasche. Am Ende dieses Prozesses heißt es „Gueuze“ und erinnert mit seinem säuerlichen Geschmack und der vielen Kohlensäure stark an Champagner, passend zur Herstellungsmethode. Trifft definitiv nicht jeden Geschmack, war aber interessant. Die meisten von uns bleiben trotzdem bei den anderen berühmten belgischen Kulinarik-Klassikern: Waffeln, Pommes und Pralinen!
Ganz im Zeichen der Europapolitik stand der Mittwoch, den wir mit einem Besuch im Parlamentarium starteten. In der interaktiven Ausstellung lernten wir neben der Funktionsweise der EU und dem Zusammenwirken ihrer Organe auch etwas über die einzelnen Mitgliedsstaaten und konnten uns über „unsere“ Abgeordneten im Parlament informieren. Im Haus der Europäischen Geschichte wurden wir anschließend von einem Multimedia-Guide auf sechs Etagen durch die wechselvolle und konfliktreiche Geschichte des Kontinents geführt. Demokratie ist keine Selbstverständlichkeit und musste in allen Mitgliedsländern der EU hart errungen werden. Wie fragil Demokratie, Frieden und Freiheit auch heute noch sind, zeigt eine völlig zerschossene Autotür aus dem bereits seit über drei Jahre andauernden aber leider immer noch aktuellen Ukraine-Konflikt.
Sehr dankbar sind wir für das Treffen mit der bekannten Dr. Katarina Barley, MdEP, welche spontan ihre Zeit für uns verdoppelte. Die ehemalige Generalsekretärin der SPD, die vor ihrer Zeit als Europaabgeordnete gleich drei Bundesministerien geleitet hatte, gab uns persönliche Einblicke über das Leben und Arbeiten in Brüssel (wonach sie nie gestrebt hatte) und stellte sich auch inhaltlich unseren vielen Fragen. Den Aufstieg der Rechtspopulisten erklärt sie unter anderem damit, dass diese sehr viel mehr Ressourcen auf social-media Präsenz verwenden, dadurch in der Wahrnehmung vieler Wähler einfach mehr stattfinden und die Meinungsbildung bestimmen, wobei dann zu wenig auffällt, dass dabei eigentlich fast keinerlei inhaltliche Arbeit geleistet werde und funktionierende Lösungsvorschläge ausbleiben. An der aktuellen Diskussion um den Demokratiezerfall stört sie vor allem eine bestimmte Mentalität: Wenn Demokratie als Pizzalieferdienst missverstanden werde. Bei diesem könne sich ja jeder nach eigenen Vorlieben alles so zusammenstellen, wie es ihm am besten passt und alles weglassen, was ihm nicht gefällt. Demokratie funktioniere aber anders, hier muss man auch mal kompromissbereit sein und Verständnis für die Interessen anderer haben.
Bei einer anschließenden Führung in den riesigen Plenarsaal lernten wir von einem Mitarbeiter des Parlaments noch etwas über die Abläufe und auch praktischen Schwierigkeiten, die bei Sitzungen auftreten, wie zum Beispiel dem gleichzeitigen Übersetzen einer Rede in verschiedene Sprachen, deren Grammatik das Verb aber an unterschiedlichen Stellen im Satz platziert. Dolmetscher, die das dennoch schaffen, dürfen sich über einen monatlichen Lohn von 10.000€ freuen.
Wie vielfältig Europa ist, wie viele unterschiedliche Kulturen auf diesem Kontinent vereint sind, erlebten wir am Donnerstag bei einem Besuch im Mini Europe Park. Im Schatten des beeindruckenden Atomiums, das ebenfalls besichtigt wurde, zeigte uns der Park mit über 400 Nachbauten viele berühmte europäische Bauwerke. Anhand von Arbeitsmaterialien und Vorträgen unserer Mitschüler lernten wir außerdem etwas über deren Besonderheiten (der Big Ben heißt gar nicht so und war früher mal ein Gefängnis), ihre wirtschaftliche und gesellschaftliche Relevanz und über die Bedeutung der Länder für das heutige Europa. Trotz schlechten Wetters fiel uns die Abreise nicht leicht und wir hätten diese interessante, lustige und schöne Kursfahrt bei schönem Sonnenschein gerne noch etwas verlängert.
Sanela Martinov, Lara Christ, Simon Pick
















